"Wenn wir schon das Wetter nicht ändern können..."

 

 

 

Im Interview: Dr. Thomas Ring, Fachberatung für Fischerei beim Bezirk Oberpfalz

 

Redaktion:  Herr Dr. Ring, wir erleben derzeit wieder einen „Ziehharmonika-Effekt“ an unseren Gewässern. „Mal kommt das Eis, mal sehen wir nur mehr teilweise geschlossene oder erleben ganz offene Teiche“.

Die Angelfischer werden dadurch in ihrem Drang verstärkt, den Karpfen in den Wärmeperioden nachzustellen.Was empfiehlt der Fachmann in der Winterzeit an typischen Oberpfälzer Angelteichen:

Bei Karpfen handelt es sich um wechselwarme Tiere, deren Intensität der Lebensfunktionen von der Außentemperatur maßgeblich bestimmt wird. Die meisten wechselwarmen Tiere verbringen deshalb die kalte Jahreszeit in geschützten Habitaten, die mit günstigen physikalischen Parametern (z.B. Sauerstoffversorgung, Temperatur) versehen sind, in einer Art Winterruhe.In dieser Phase fressen die Fische wenig oder gar nichts und müssen die harte Zeit mit ihren Fettreserven überstehen. Ein milder Winter mit einem Auf und Ab der Temperaturen wird für unsere Fische dahingehend zu einer Belastung, dass sie in ihrer Winterruhe „gestört“ werden und den Kreislauf, je nach Wassertemperatur, hoch und wieder runterfahren müssen, was zu einem schnelleren Aufzehren der Energiereserven führt. Jede zusätzliche Störung der Winterruhe, ob in zugefrorenen oder eisfreien Fischteichen, ist deshalb zu vermeiden.Erst im Frühjahr, wenn der Karpfen von sich aus beginnt nach Nahrung zu suchen, was der zunehmendem Wassertemperatur geschuldet ist, kann bezüglich des Karpfens mit dem Angeln begonnen werden.

 

Redaktion: Was läuft da unter der Wasseroberfläche bzw. unter dem Eis ab:

Früher dachte man, dass z.B. Karpfen in sogenannten Winterlagern bzw. Karpfen-Winterungsgruben,die sich die Karpfen im Zuge der Winterung selbst geschaffen haben, nahezu regungslos und bei stark reduziertem Stoffwechsel den Winter überdauern. Eine Studie aus dem Jahr 2003 (Das Winterungsverhalten von Zuchtkarpfen – neue Erkenntnisse zum Winterlager; Bauer, 2003) kommt zu dem Ergebnis, dass ein klassisches Winterlager nicht existiert. Allenfalls kurzfristige Einlagerungen der Fische an wechselnden Orten können angenommen werden. Es ist also laut der Studie anzunehmen, dass die Karpfen im Winter ihren Lebensraum zwar einschränken und vor allem die seichten Bereiche des Teiches meiden ansonsten aber im übrigen Teil des Teiches eine gewisse, stark verminderte Aktivität zeigen. Das beschriebene Winterlager ist somit höchstens als extreme Ausprägung der winterlichen Lebensraumbeschränkung anzusehen. Nichtsdestotrotz haben die Tiere ihren Kreislauf heruntergefahren. Die erwähnten Bewegungen dienen womöglich einer nötigen Ortsanpassung an die geeigneten physikalischen Parameter.

 

Redaktion: Wie sind diese „Winterlager“ zu erkennen?

Die oben erwähnte Studie hierzu beschreibt diese wie folgt:

„Was die Vertiefungen im Schlamm betrifft, welche bei den Frühjahrsabfischungen zum Vorschein kommen können und von einigen Autoren als sichtbares Zeichen des Winterlagers gewertet werden, so bleibt festzustellen, dass nach keinem Winter derartige Strukturen im Karpfenteich und auch in keinem anderen Teich der Untersuchungen zum Vorschein kamen. Die Interpretation diese Phänomens muss offen bleiben.“

Nichtsdestotrotz können aber die erwähnten Vertiefungen doch als Winterung geschaffen und genutzt werden. Dies ist eine Funktion der Temperatur, Sauerstoffversorgung und natürlich einer Störung. So ist z.B. bei einem langanhaltenden Winter bei einem Teich mit guter Sauerstoffversorgung sowie keinen anwesenden Störungsmomenten (Parasiten, Menschen, Prädatoren) die Wahrscheinlichkeit gering, dass es zu umfangreichen Bewegungsmustern kommt.

 

Redaktion:  Wenn es gelingt, in der vorher beschriebenen Zeit einen der Fische an den Haken zu bekommen, beschreibt der Angler dies oft so:

„…ist nach der Köderaufnahme nicht abgezogen, …hat keinen aufregenden Drill geboten“

Wie aktiv ist der Karpfen in der Winterzeit bzw. bei bestimmten Wassertemperaturen?

Geht der Angelvorgang  „spurlos“ an den anderen Fischen vorbei?

Wie bereits erwähnt, hat der Karpfen, je nach Einflussfaktor auf den Teich und vor allem bezogen auf die Temperatur, ein Bewegungsmuster. Nichtsdestotrotz ist aber im Winter der Kreislauf des Fisches mehr oder weniger heruntergefahren. Aufgezwungene Aktivitäten wie ein Drill mit dem Resultat des Zurücksetzens können für den Fisch aufgrund der erwähnten Gründe langfristig letal enden und sind hinsichtlich des Tierschutzgesetzes zu hinterfragen. Winterungsschäden bei Fischen werden also nicht sofort sichtbar, sondern erst im Frühjahr, wenn abgemagerte Fische bis in den Mai hinein verenden.

 

Redaktion: Um einen Fisch an den Haken zu locken, wird vielfach mit entsprechenden Montagen Anfütterungsmaterial ins Gewässer eingebracht.  Was kann da passieren?

Gerade in den Wintermonaten, in denen die Fische aufgrund ihres wechselwarmen Charakters die Nahrungsaufnahme teilweise oder ganz eingestellt haben, bleibt das Futter auf der Sohle des Gewässers liegen und beeinträchtigt durch dessen Abbau die physikalischen Parameter des Gewässers negativ wie z.B. durch Sauerstoffzehrung durch Abbau der eingebrachten Nährstoffe. Im Winter wird dringend davon abgeraten, Futter einzubringen, da der Angelfischer diesbezüglich nicht die langjährige Erfahrung eines Teichwirts besitzt, der sowohl die Eigenheiten seines Winterungsteiches kennt, wie auch das jahreszeitabhängige Verhalten der Karpfen. Futter darf im „warmen Winter“ nicht zu lang im Darm verweilen, da bei einem Kälteeinbruch mit nachfolgendem wieder Verfallen in die Winterruhe nicht verdautes Futter aufgrund der Verlangsamung der Verdauung zu Darmentzündung bei den Fischen führen kann.

Bei Kiesweiher, die ja im Grunde nicht ablassbare Grundwasseraufschlüsse darstellen, wird von hier aus ebenfalls abgeraten, Nahrung/Futtermittel einzubringen, da diese keine „Resettaste“ in Form eines Mönches besitzen. Mit anderen Worten, eingebrachte Nährstoffe in Form von Futter können bei diesem Gewässertypus nur in Form von Fischen wieder entnommen werden. Ansonsten bleibt dieses im Gewässer mit all den negativen Folgen, die sich dann im Lauf der Gewässerentwicklung ergeben können: Algenblüten, Sauerstoffmangel, etc.


 

Redaktion:  Wenn es zu „Ausfällen“ im Gewässer kommt, sind diese immer sofort zu sehen?

Nein, diese können sich im Laufe des anbrechenden Frühjahrs einstellen, wenn Karpfen ihren Stoffwechsel hochfahren, die Fettreserven aufgebraucht sind und noch nicht ausreichend Naturnahrung vorhanden ist.

 

Redaktion:  Was empfiehlt der Fachmann dem zuständigen Gewässerwart im Verein?

1.)In regelmäßigen Abständen, insbesondere bei Veränderung des Verhaltens der Fische, bei längerer Eisbedeckung sowie nach Niederschlägen oder Tauwetter ist die Wasserqualität in Zu- und Abfluss des Teiches zu überprüfen. Dabei sind vor allem zunächst die Sauerstoffkonzentration und der pH-Wert zu ermitteln. Die Ermittlung der Leitfähigkeit als Summenparameter für gelöste Ionen zeigt zunächst grob auf, ob sich diesbezüglich im Lauf der Zeit Veränderungen ergeben, denen man nachgehen muss.

2.)Die Gewässer beobachten, ob Prädatoren zugegen sind und dann bei Anwesenheit dieser im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten handeln, ansonsten die Fische in Ruhe lassen.

 

Redaktion: Herr Dr. Ring - vielen Dank für Ihre Ausführungen!

 

Bilder(4): LierHH